Kaffee Anbau in Ecuador

Wir importieren seit Anfang 2022 Robusta-Kaffee von der indigenen Gemeinschaft Kichwa Rukullakta aus dem Amazonastiefland in Ecuador. Der Kaffee wird dort komplett ohne künstlichen Dünger oder andere Chemie angebaut und alle Produzent*innen betreiben Chakra-Anbau – das bedeutet, dass sie nichts in Monokulturen anbauen sondern viele verschiedene Nutzpflanzen auf den Anbauflächen stehen und sich so gegenseitig Schatten spenden, vor Schädlingen schützen und die Böden nicht einseitig belasten. Die Gemeinschaft der Pueblo Rukullakta besteht aus knapp 7000 Menschen, die schon sehr lange in diesem Gebiet siedeln, was sie auch durch ihren Namen ausdrücken (Rukullakta bedeutet alte Menschen oder altes Volk auf Kichwa).  Sie verwalten ihr Gebiet in vielen Bereichen wie z.B. Justiz, Bildung und Ökonomie weitestgehend autonom und sind aktiv um ihre Identität als Indigene zu schützen und auch politisch zu vertreten. Basti und Lisa hatten das Glück, die Menschen und den Kaffeeanbau vor Ort kennenzulernen.

Für mehr Infos lest gerne den kompletten Reisebericht von unserem Besuch beim Pueblo Kichwa Rukullakta im Februar 2022:

 

Reisebericht aus Ecuador, Besuch bei dem Pueblo Kichwa Rukullakta de Archidona

Wir waren in der Regenzeit da – deswegen war es sehr, sehr matschig

Wir haben uns auf dem zentralen Platz von Archidona verabredet, das ist die nächstgelegene Stadt für das Pueblo Kichwa Rukullakta. Kichwa bezeichnet eigentlich verschiedene Gruppen, die sowohl im Hochland, der Sierra, als auch im Amazonastiefland, dem Oriente, leben und das ursprünglich durch die Inka in Ecuador eingeführte Quechua sprechen. Die Sprache hat sich je nach Region weiterentwickelt und so werden in Ecuador inzwischen verschiedene Dialekte des Quechua gesprochen, die Bezeichnung der Sprache wurde hier zu Kichwa geändert. Es gibt grob zwischen einer und zwei Millionen Kichwa-Sprecher*innen in Ecuador, bei einer Gesamteinwohnerzahl von 17 Millionen. Der Begriff Rukullakta bedeutet „alte Menschen“ und bezeichnet die konkrete Gruppe von Kichwa, die wir besucht haben. soll zeigen, dass die Gemeinschaft schon sehr lange in dem Gebiet lebt, was auch noch heute ihr Territorium ist. Dieses Gebiet ist 41.888,55 Hektar groß und zieht sich von Archidona aus in Richtung Osten ins Amazonasbecken hinein.

Augusto Eduardo Salazar Yumbo, der derzeitige Vorsitzende des Produzent*innenverbands Waylla Kuri

Wir waren also in Archidona auf dem zentralen Platz verabredet und wurden dort von Augusto Eduardo Salazar Yumbo abgeholt. Augusto ist derzeit Präsident des Waylla Kuri-Produzent*innenverbandes; Dieser hat derzeit insgesamt 31 Mitglieder und an die dreihundert Familien verkaufen ihren Kaffee an den Verband.

Wir fahren zusammen mit Augusto und zwei weiteren Mitgliedern von Waylla Kuri mit dem Auto los ins Anbaugebiet. In dem Ort Ardilla Urku („Eichhörnchenberge“) steigen wir aus und gehen zu Fuß weiter. Wir schlittern über matschige Wege, den es ist gerade Regenzeit und es regnet mehrmals am Tag, so dass die Wege aus festgetretener Erde komplett aufweichen. Wir wollen zu einer Finca, also zu einer Kaffeeplantage um uns ein Bild von dem Anbau zu machen. Wir gehen ungefähr zwanzig Minuten durch sehr schöne Natur und durch sehr viel Matsch bergauf.

Die Finca, die wir uns dann angucken, ist exemplarisch für alle Anbauflächen hier; Der Großteil der Produzent*innen bewirtschaftet Flächen zwischen einem Viertelhektar und einem Hektar. Mit einem Abstand von mehreren Metern sehen wir Kaffeepflanzen. Dazwischen wachsen verschiedene andere Pflanzen. Es gibt viel Yukka, Kakao,Zitrusfrüchte, Ananas, Naranjilla, und andere Früchte. Außerdem wachsen hier Chonta-Palmen also Palmen aus deren Früchten Palmöl hergestellt wird. Palmöl ist bekannt dafür, in riesigen Monokulturen anbgebaut zu werden und verherende Folgen für die Artenvielfalt zu haben. Hier aber, wo sie schon lange zur Herstellung von Öl und Chicha (fermentiertes Getränk) verwendet werden, kann keine Rede von Monokulturen sein. Es stehen hier auch viele Guayusa-Bäume, aus deren Blättern ein koffeinhaltiger Tee hergestellt wird, der hier in der Gegend das Alltagsgetränk überhaupt ist und inzwischen auch in Europa immer bekannter und beliebter wird.

Alle Fincas hier produzieren also eine Vielzahl von Produkten, wovon die meisten für den Eigenverbrauch oder für den Verkauf auf den lokalen Märkten bestimmt ist.

Hauptsächlich der Kaffee wird hier als Exportprodukt angebaut. Die Kaffeepflanzen die wir sehen, hängen voller Kaffeekirschen, davon sind die meisten aber noch grün; einige erste hell- bis dunkelrote Kirschen weisen aber darauf hin, dass es nicht mehr lange bis zur Erntezeit ist. Die beginnt hier ungefähr Mitte April.

Jede Familie, die auf ihrem Land Kaffee anbaut, ist für die Pflege und die Ernte der Kaffeepflanzungen selbst verantwortlich; Wenn Erntezeit ist, bringen sie ihre Ernte zum Produktionszentrum und erhalten Geld dafür. Es gibt ungefähr 300 Familien, die Kaffee für den Verband produzieren, aber formell keine Mitglieder des Verbands sind. Wer Mitglied werden will, kann auf einer der regelmäßig stattfindenden Versammlungen gewählt werden. Bedingung dafür ist, dass man Kaffee anbaut und sich an die regeln des Verbandes hält. Dieses sind vor Allem, dass man im Chakraverfahren anbaut und dass man keine Art chemische Stoffe benutzt, weder als Dünger noch zur Schädlingsbekämpfung. Der hier angebaute Kaffee kann also ohne zu Lügen als ökologischer Kaffee bezeichnet werden, allerdings ist Waylla Kuri bisher nicht biozertifiziert und darf den Kaffee deshalb auf dem deutschen Markt nicht als bio verkaufen. Mehr zur Biozertifizierung und unseren Umgang damit könnt ihr hier lesen:

Nach der Ernte wird der Kaffee in der gemeinsamen Produktionsstätten entschalt, gewaschen und getrocknet. Alle Aufgaben die hier anfallen, teilen die Mitglieder des Verbandes unter sich auf. Auf den Versammlungen wird gemeinsam entschieden, wer bei der jeweiligen Ernte welche Aufgaben übernimmt. Auch über andere Arbeiten, wie die Wartung und Reinigung der Maschinen oder die Instandhaltung der Gebäude wird gemeinsam entschieden und dann meist als minga, also als Gemeinschaftsarbeit ausgeführt.

Wenn der Kaffee getrocknet ist, wird er nach Loja weitertransportiert, wo die FAPECAFES den Kaffee weiterverarbeitet und letztendlich den Export nach Deutschland organisiert.

In der Produktionshalle gibt es Maschinen zum Trocknen, Sortieren, Rösten, Mahlen und Verpacken

Von der Finca fahren wir zu diesen Produktionsstätten, wo allerdings im Moment nicht viel los ist, da ja gerade keine Ernte ist. Die Maschinen sind ziemlich neu und gut in Schuss – Augusto berichtet, dass sie bei der Anschaffung wertvolle Tipps von Quijote bekommen haben und jetzt alles haben, was sie zur Verarbeitung brauchen. Die Bohnen werden hier nach dem Waschen, Fermentieren und Trocknen auch noch in mehreren Geräten nach Größe sortiert. Es gibt sogar einen Röster, eine Mühle und ein Einschweißgerät. Allerdings werden hier nur geringe Mengen produziert, entweder für den Eigenverbrauch oder für einige wenige Kund*innen vor Ort. Der Großteil des Kaffees geht als Rohkaffee in den Export.

Zum Abschluss besuchen wir noch den Regierungssitz, um den Präsidenten des Pueblo Kichwa Rukullakta zu treffen; der ist leider nicht da, dafür kriegen wir aber die Gelegenheit, mit den Produzent*innen des Guayusa-Verbandes Ruku Kawsay zu sprechen, die schon länger Guayusa produzieren und gerade mit dem Export nach Europa beginnen. Wer weiß, vielleicht verkaufen wir auch bald Guayusa…?

Auf der Fahrt erfahren wir noch mehr über den Alltag hier; Die ecuadorianische Regierung hat den indigenen Gemeinschaften vor einigen Jahren mehr Autonomie in vielen Lebensbereichen zugesprochen; So wird in den Schulen Kichwa gelehrt und auf Kichwa unterrichtet, auch die Inhalte bestimmen sie weitesgehend selbst und können so ihre eigene Geschichte und Kultur an ihre Kinder weitergeben. Es gibt zwar wie im ganzen Land centros de salud, die kostenlose Gesundheitsversorgung anbieten, doch traditionelle Heilmittel und spirituelle Unterstützung durch Schamanen ist weitverbreitet.

In großen, luftigen Hallen wird der Rohkaffee getrocknet

Die Kichwa Rukullakta unterteilen sich in 17 Gemeinden, in denen rund 7000 Menschen leben. Sie wählen eine*n eigene*n Präsidentin/Präsidenten, wobei jede der Gemeinden eine Kandidatin/einen Kandidaten sendet und aus diesen wird dann eine Präsidentin gewählt. Diese gewählt Regierung hat viel zu tun, denn sie ist auch für die Justiz und die Rechtsprechung zuständig. Bei Konflikten spricht jemand von der Regierung mit den Konfliktparteien, hört sich alle Seiten an und versucht dann eine Lösung zu finden, die für alle Konfliktparteien gut ist. Diese Entscheidung ist dann auch rechtsbindend. Nur sehr schwere Konflikte werden an die staatliche Justiz weitergeleitet, die lehnt allerdings auch manchmal ab darüber zu verhandeln und gibt den Konflikt an die Gemeinschaft „zurück“. Der Präsident oder die Präsidentin wird für die Amtszeit von ihrer eigentlichen Arbeit freigestellt und bekommt einen Lohn, denn es kann sehr zeitaufwändig sein, sich um die Konflikte zu kümmern. Augusto weiß wovon er spricht, denn er war selbst von 2014 bis 2017 Präsident.

Zum Abschluss gehen wir noch in Archidona gemeinsam Mittagessen, wo natürlich Guayusa und Chicha de Chonta getrunken wird und wir Yukka und Tilapia-Fisch im Bananenblatt essen.