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Transparenzbericht 2025

Liebe alle,

auch in diesem Jahr möchten wir euch einen Rückblick auf die vergangenen zwölf Monate geben und einen Ausblick auf das Jahr 2026 gewähren.

Im Kollektiv war viel los: Unsere Präsenz in der Rösterei hat stetig zugenommen und wir haben zum ersten Mal offiziell als Kollektiv an einer Reise zur indigenen Bewegung im Cauca teilgenommen. Zudem werden wir in unserem Viertel immer sichtbarer und konnten bereichernde Kooperationen mit anderen Röstereien starten. Aber der Reihe nach…

Reise in den Cauca und Bildungsarbeit
Im Januar 2025 machten sich Mira und Basti gemeinsam mit Chris und Martin vom Kaffeekollektiv Aroma Zapatista auf den Weg in den Cauca. Erstmals konnten sie vor Ort miterleben, wie der Rohkaffee mit großer Sorgfalt angepflanzt, gepflegt, geerntet und zu Pergamin-Kaffee aufbereitet wird. Neben dieser praktischen Erfahrung stand der Austausch mit der indigenen Bewegung und den Kaffeebäuer:innen der Kooperative CENCOIC im Fokus. Die dicht gefüllte Agenda ließ wenig Zeit zum Reflektieren, weshalb die Nachbereitung und der interne Austausch im Anschluss für uns alle besonders wertvoll waren. Wer mehr erfahren möchte, findet den ausführlichen Bericht auf unserer Homepage. Auch bei Veranstaltungen, wie etwa im Serrahn in Bergedorf, konnten wir von unseren Erlebnissen berichten und die Stimmen der Erzeuger:innen hörbar machen.

Broschüre über den CRIC

Neue Broschüre über die Bewegung

Parallel dazu entstand eine Neuauflage der Broschüre über die Bewegung im Cauca. Der Besuch vor Ort wurde genutzt, um direkt mit den Autor:innen und Aktivist:innen ins Gespräch zu kommen. Die Broschüre – ein Gemeinschaftsprojekt mit Aroma Zapatista und engagierten Privatpersonen – bietet eine aktualisierte und umfangreiche Informationsquelle über die Situation im Cauca. Die meisten Artikel wurden von Menschen vor Ort verfasst und anschließend ins Deutsche übersetzt. Weitere Informationen findet ihr unter cauca-indigena.de. Die Broschüre ist in unserem Büro sowie im Webshop erhältlich.

Das Büro als Begegnungsort 
Wir haben in diesem Jahr feste Öffnungszeiten eingeführt: Meist montags (13–17 Uhr) und mittwochs (10–16 Uhr) öffnen wir unser Büro für Kaffeeliebhaber:innen und Interessierte. Neben einem netten Plausch mit den anwesenden Kollektivistas gibt es den Kaffee dort zum Lagerpreis. Zudem füllen wir gerne mitgebrachte Behälter auf, um gemeinsam Verpackungsmaterial und Versandkosten zu sparen.

Preisentwicklung und Marktsituation 
Kaffee unterliegt als börsengehandeltes Produkt leider der Marktlogik und entsprechenden Preisschwankungen. Als Anfang 2025 die Preise global rasant stiegen, gerieten viele konventionelle Röstereien unter Druck und versuchten durch Massenaufkäufe ihre Dumpingpreise zu halten. Für uns bedeutete diese Zeit vor allem: Vertrauen in unsere langjährigen, direkten Beziehungen. Gemeinsam mit den Kollektiven, mit denen wir den Großteil unseres Rohkaffees ko-importieren, konnten wir eine Erhöhung der Rohkaffeepreise um teilweise 3–6 € pro Kilo vermeiden. Dennoch sind auch unsere Kosten gestiegen. Mit dem neuen Import haben wir uns daher entschlossen, unsere Preise zum 01.05.2026 um 1,50 € pro Kilo anzupassen. Eine transparente Preisaufschlüsselung findet ihr wie gewohnt auf unserer Website.

Wachstum und Solidarität in Zahlen 
Unsere Produktionszahlen entwickeln sich positiv: Die Gesamtröstmenge konnte im Vergleich zu 2024 um geschätzt 50 % gesteigert werden. Konkret haben wir aus 5.290 kg Rohkaffee 4.925 kg Röstkaffee produziert. Zusätzlich rösteten wir über 4 Tonnen (4.078 kg) für Aroma Zapatista und starteten die Produktion eines handwerklichen Espressos für das Kollektiv Guancasco Import. Diese Entwicklungen spiegeln sich im Umsatz wider, den wir 2025 mit ca. 160.000 € abschließen konnten (zum Vergleich: 80.000 € in 2023 und 102.000 € in 2024).

Da zu jedem verkauften Kilo Kaffee der Kooperative CENCOIC ein Solibeitrag von 0,50 € gehört, konnten wir 2025 insgesamt 2.369,27 € für die Bewegung im Cauca generieren. Diese Gelder wurden zusammen mit den Beiträgen von Aroma Zapatista übergeben, damit die Bewegung selbstverantwortlich über deren Einsatz entscheiden kann. Zudem haben wir die Vorfinanzierung für kolumbianischen Rohkaffee von 70 % auf 85 % erhöht, um so hoffentlich die Liquidität der Kooperative beim Aufkauf der Ernte zu erhöhen.

Kooperationen und neue Produkte 
Unsere dunkel gerösteten Espressi „Arabica pur“ und „Colectivo“ bleiben die Favoriten. Den „Colectivo“ vertreiben wir seit letztem Jahr intensiv über den Marktplatz von Überlegen. Durch dieses Netzwerk haben wir in Ann-Kathrin von Caraya Cafe eine tolle Partnerin gefunden. Sie importiert den fantastischen „Natural“ aus der Region La Paz (Bolivien), der unserem Espresso Colectivo das gewisse Etwas verleiht.

Im Juli 2025 trafen wir uns im Rahmen der „Corretto“ bei Quijote Kaffee in Hamburg mit verschiedenen Röstereien des Überlegen-Netzwerks. Dieser Austausch führte zu neuen Synergien, wie etwa unserem aktuellen Entkoffeinierungsprojekt: Gemeinsam mit Aroma Zapatista haben wir 6 Tonnen Rohkaffee der CENCOIC mittels der CO2-Methode in Bremen entkoffeinieren lassen. Seither bieten wir regelmäßig solidarischen Decaf-Filterkaffee und Espresso an.

Öffentlichkeitsarbeit und Ausblick 
Auch der direkte Austausch kam nicht zu kurz: Bei Kaffeeständen (z. B. auf der Fusion oder dem Grindelfest) und der Konferenz der Bundeskoordination Internationalismus (BuKo) konnten wir Wissen weitergeben und mit euch ins Gespräch kommen.

Zu guter Letzt haben wir uns intern professionalisiert: Dank entsprechender Fortbildung führen wir unsere Buchhaltung nun eigenständig. Wir verstehen jetzt nicht nur den betriebswirtschaftlichen Fachjargon, sondern haben auch unsere Prozesse rund um die Rechnungslegung fest im Griff.

Wir hoffen auch für das kommende Jahr auf neue Chancen der Zusammenarbeit, der kollektiven Vernetzung und des kämpferischen Miteinanders.

Solidarische Grüße und bis bald,
Eure la gota negras Basti, Lari, Laura, Lisa und Mira

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Kolumbien: Ehemaliger Koordinator der Guardia Indígena des Cauca ermordet

Hier ist Albeiro Camayo zu sehen, ein Koordinator der Guardia Indigena im CaucaLas Delicias, Cauca. Am 24 Januar ist Albeiro Camayo im indigenen Selbstverwaltungsgebiet Las Delicias ermordet worden. Kräfte der bewaffneten Gruppierung Columna Móvil Jaime Martínez drangen in das Gebiet ein, bedrohten die Bevölkerung und erschossen den 42-jährigen hochgeschätzten Gemeindeaktivisten und Menschenrechtsverteidiger.

Diese Gruppierung bedroht seit einigen Jahren das Selbstverwaltungsgebiet, das im Indigenen Regionalrat des Cauca CRIC organisiert ist. Die abtrünnige Einheit der ehemaligen Farc-Guerilla erkennt den 2016 geschlossenen Friedensvertrag nicht an, sie wird als im Dienste der Drogenmafia stehend angesehen.

Camayo war bis 2021 einer der Koordinatoren der Guardia Indígena des Cauca. Seit ihrer Gründung spielte er eine zentrale Rolle bei Aufbau und Entwicklung dieses zivilen, unbewaffneten Selbstverteidigungsmechanismus der indigenen Gemeinden in diesem Landesteil. Mit ihr schützt die Bevölkerung sich und ihr Land gegen staatliche und nichtstaatliche Gewaltakteure.

Camayo ist bereits der zehnte Aktivist, der seit Jahresbeginn in Kolumbien ermordet wurde – und der 1.296-igste seit dem Friedensabkommen 2016. In Las Delicias waren zehn Tage zuvor Guillermo Chicame, ebenfalls Guardia Indigena, und David Cucuñame, Teil der Jugend-Guardia, von derselben bewaffneten Gruppe getötet worden. Ende November erschossen sie Marcos Camayo, ehemaliger oberster Repräsentant des Selbstverwaltungsgebietes und Bruder von Albeiro. Hunderte indigene Amtsträger:innen sowie Mitglieder der Guardia Indígena wurden in den letzten Jahren bedroht und ermordet (amerika21 berichtete).

Zur Beerdigung von Camayo kamen mehrere hundert Menschen in Las Delicas zusammen, unter ihnen viele Guardias und Repräsentant:innen der Bewegung. Sie ehrten den Nasa-Indigenen, der seit seiner Kindheit in der Guardia Indígena aktiv war, für seinen unermüdlichen Einsatz zum Schutz der Gemeinden und des Landes. Gleichzeitig setzte die indigene Bewegung ein entschlossenes Zeichen, die Bevölkerung von Las Delicias zu unterstützen.

In einer Erklärung prangerte die Bewegung „die dramatische humanitäre Lage im Norden des Cauca“ an, „verursacht durch die Kämpfe von legalen und illegalen bewaffneten Gruppen und ihre systematischen Angriffe auf unsere Gemeindemitglieder, Amtsträger und insbesondere Guardias Indigenas“. Sie verurteilte die Columna Móvil Jaime Martínez als „Mörderbande bezahlt vom Drogenhandel“. Gleichzeitig machte sie die Regierung von Iván Duque sowie die mit ihnen verbundenen politischen und wirtschaftlichen Eliten für die Lage verantwortlich. Ihre Agenda sei es, den Friedensvertrag „zu zerreißen“, um „den Krieg als Grundlage ihrer Politik und ihrer Gewinne fortzuführen“. Für einen wirklichen Frieden brauche es soziale Investitionen, Landumverteilung und die Umsetzung von getroffenen Vereinbarungen.

Die Regierung eröffnet ehemaligen Kämpfer:innen keine wirtschaftliche Perspektive, sodass viele sich nun der Drogenwirtschaft andienen. Die extrem ungleiche Landverteilung und die Marktstrukturen wurden nicht angetastet, wodurch Koka und Marihuana oft die einzigen rentablen landwirtschaftlichen Produkte sind.

Die Gemeinden sehen sich als Zielscheibe, weil sie sich mit ihren selbstverwalteten Strukturen und zivilen Mitteln gegen den Missbrauch ihres Landes durch bewaffnete Gruppen stemmen. Diese rekrutierten außerdem Jugendliche aus dem Gemeinden, nutzten damit die ökonomische Marginalisierung aus und zielten auf deren Spaltung ab. Aber auch Armee und Polizei respektierten die Rechte und das Leben der Gemeinden nicht.

03.02.2022 von Martin Mäusezahl erschienen auf www.amerika21.de

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https://amerika21.de/2022/02/256678/kolumbien-koordinator-guardia-indigena

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Interview mit Eliseth Peña zur indigenen Guerilla Quintín Lame

Bei der mündlichen Überlieferung geht vieles verloren

Interview mit Eliseth Peña, Regisseurin des Films „Der letzte Kommandant der Quintines“

Eliseth Peña (Jahrgang 1991) ist kolumbianische Journalistin und nur durch Zufall darauf gekommen, dass ihre Eltern der ersten indigenen Guerilla Lateinamerikas angehörten. Das Movimiento Armado Quintín Lame war im Cauca, der Region im Süden Kolumbiens, aktiv. Dessen Geschichte und damit auch die ihrer Eltern hat sie filmisch rekonstruiert.

Ein Interview von Knut Henkel

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Mitschrift einer Veranstaltung von Aroma Zapatista und dem BUKO : Aktuelles zum Aufstand der Zapatistas in Chiapas/Mexiko

Am Montag habe ich an einer Info- und Diskussionsveranstaltung zur aktuellen Situation des zapatistischen Aufstandes und der geplanten zapatistischen Reise nach Europa teilgenommen. Referent*innen waren Dorit Siemers und Luz Kerkeling, aktiv beim Kaffeekollektiv Aroma Zapatista (Hamburg), Gruppe B.A.S.T.A., Zwischenzeit e.V. (Münster) und im Ya-Basta-Netz.

Es wurde ein guter geschichtlicher Überblick über die Zapatistas gegeben hier ein kurzer Abriss für euch:
Am 1. Januar 1994 versammelten sich Zehntausende indigene Kleinbäuer*innen, die sich nach dem Revolutionsgeneral Emiliano Zapata ’Zapatistas’ nennen, im südmexikanischen Chiapas um ihre Rebellion gegen Kapitalismus, Patriarchat, Rassismus und Umweltzerstörung zu starten.
Sie haben diese 13 Forderungen aufgestellt: Arbeit, Land, Unterkunft, Nahrung, Gesundheit, Bildung, Unabhängigkeit, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit, Frieden, Information, Kultur.

Ihnen gelang es autonome Parallelstrukturen zum repressiven mexikanischen Staat aufzubauen. Sie haben Arbeitskollektive und Kooperativen, in denen sich Menschen autonom organisieren, die bis vor wenigen Jahren noch in sklaverei-ähnlichen Strukturen für Großgrundbesitzende schuften mussten. Die Basis ihres Systems ist Solidarität. Dazu gehört auch unbezahlte Gemeinschaftsarbeit. Sie haben in einem autonomen Gebiet (CIDECI) einen großen Standort zum erlernen verschiedener Fähigkeiten aufgebaut, von dort gehen die Menschen zurück in Ihre Wohnorte und geben dort ihr neu erlerntes Wissen weiter.

Die zapatistischen Gemeinden wachsen!
Es gibt derzeit 43 Widerstandszentren
und 12 Caracols (Autonome Verwaltungssitze)

Die mexikanische Guardia Nacional hat 24 neue Militärstützpunkte aufgebaut, die zapatistischen Gemeinden werden von hier aus bedroht, belagert, und auch beschossen. Hintergrund für die Landkonflikte in Chiapas sind die Ölpalmen Plantagen, Tourismus sowie der Tagebau wegen der Edelmetall Vorkommen.

2016 fand ein indigener Kongress für Land, Freiheit, Selbstverwaltung und Autonomie statt.
Hier wurden die 7 Prinzipien aufgestellt, die gut erklären welche Einstellung die Zapatistas vertreten:
1. dienen anstatt zu bedienen
2. repräsentieren anstatt unbefugt zu vertreten
3. aufbauen anstatt zu zerstören
4. gehorchen anstatt zu befehlen
5. vorschlagen anstatt aufzuzwingen
6. überzeugen anstatt zu besiegen
7. heruntergehen anstatt nach oben zu streben.

Zu den Kaffee Kooperativen der Zapatistas:
Kaffeeanbau ist sehr arbeitsintensiv.
Die Kaffeepflanze wächst im Schatten anderer Bäume, die Gegend ist ein sehr gutes Anbaugebiet für Kaffee.
Die Ernte wiegt schwer und muss zum Teil steile Hänge hochgetragen werden. 3 Kooperativen der Zapatistas haben derzeit eine Exportberechtigung. Sie produzieren Bio Arabica ohne offizielle Zertifizierung. Bevor es die Kaffeekooperativen der Zapatistas gab, haben die Kaffeebauer*innen von den Zwischenhändler*innen viel zu wenig Geld für ihren Kaffee bekommen. Derzeit ist die Nachfrage größer als das was sie anbauen können. Sie haben mittlerweile Hallen zur Lagerung, einen LKW und ein Büro. Auch eine Kaffeeröstmaschine gibt es vor Ort, sowie eine Weiterverarbeitungsanlage. Die Zapatistas wollen ihre Autonomie weiter ausbauen. Ein eigenes Gesundheitssystem und Weiterbildung sowie gesunde Ernährung sind ihre Ziele.

Erstmals wird 2021 eine Delegation der zapatistischen Bewegung alle fünf Kontinente besuchen – zunächst Europa. Ziel ist die Stärkung von Kämpfen von unten und links in unseren Regionen sowie die Vernetzung mit ihren eigenen Kämpfen. Es geht um eine globale, emanzipatorische und kontinuierliche Organisierung gegen Kapitalismus und Patriarchat.

Mitschrift einer Veranstaltung von der Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) und Kaffeekollektiv Aroma Zapatista Weitere Infos: www.aroma-zapatista.de

https://www.ya-basta-netz.org/die-zapatistas-in-europa/
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Poesie der zapatistischen Frauen zum 8. März

DIE, DIE NICHT DA SIND.
Ihre Geschichten.
Ihre Freuden und ihre Traurigkeiten.
Ihre Schmerzen und ihre Wut.
Ihr Vergessen und ihre Erinnerungen.
Ihr Lachen und ihre Tränen.
Ihr Präsentsein und ihr Fehlen.
Ihre Herzen.
Ihre Hoffnungen.
Ihre Würde.
Ihre Kalender.
Die sie erfüllen konnten.
Die, die unvollständig blieben, und die wir ihnen schulden.
Ihre Schreie.
Ihr Schweigen.
Ja, vor allem ihr Schweigen.
Wer könnte sie nicht hören?
Wer könnte sich in ihnen nicht wieder erkennen?
Frauen, die kämpfen,
Ja, wir (Frauen).
Vor allem jedoch: Sie.
Die, die nicht da sind
und trotzdem bei uns sind.
Denn wir vergessen nicht.
Denn wir vergeben nicht:
Für sie und mit ihnen kämpfen wir.
Zapatistische indigene Frauen.

  1. März 2021
    übersetzt von lisa-colectivo malíntzin.
    Quelle: http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2021/03/08/las-que-no-estan/
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Reisebericht Cauca Teil 2

Reisebericht Cauca zweiter Teil vom 14.10.2020

Dies ist der zweite Teil des Reiseberichts von Martin und Kerstin vom Kaffee Kollektiv Aroma Zapatista aus Kolumbien – diesmal im online Format, dem wir als La Gota Negra beiwohnen durften. Vielen Dank für die Einladung dazu !

Programma Mujer (PM)

So heißt das Frauenprogramm innerhalb der CRIC (Rat der Indigenen aus dem Cauca). Beim letzten Treffen mit dem PM vor 2 Jahren ist die gemeinsame Idee entstanden einen eigenen „Frauenkaffee“ herauszubringen, d.h. einen Kaffee, der nur von weiblichen Bäuerinnen der CENCOIC (zentrale indigene Kooperative des Cauca) produziert wurde. Für Kerstin und Martin war dies natürlich eine super Gelegenheit den neuen „Tierra y Luna“ Espresso präsentieren zu dürfen. Außerdem hatten sie Veröffentlichungen und Artikel zum PM aus Deutschland von verschiedenen Zeitschriften wie: frauen*solidarität, Graswurzelrevolution und der iz3w im Gepäck. Für beides gab es sehr viel Anerkennung und Applaus.

Als neue Errungenschaft ist jetzt eine Frau im obersten Rates des CRIC vertreten (auch wenn langfristig eine paritätische Besetzung erreicht werden soll). Neu ist auch, dass Gewalt gegen Frauen offen thematisiert wird und dass dem PM eigene Räume in den Selbstverwaltungen der Rescuardos zur Verfügung stehen. Leider ist es allerdings immer noch so, dass Frauen meist alle „Care Aufgaben“ übernehmen müssen und Teilhabe und Anerkennung im CRIC offene Versprechen der Bewegung bleiben. Deshalb ist auch die ökonomische Teilhabe – die mit der Forderung nach mehr Landbesitz einhergeht – ein wichtiges Thema für das PM.

Problematisch ist zudem, dass viele Frauen gezwungen sind in der „Drogenwirtschaft“ zu arbeiten, weil sie nur dort Beschäftigung finden und diese besser bezahlt ist. Deshalb ist die Entmilitarisierung der indigenen Gebiete und Schaffung ökonomischer Alternativen für Frauen elementar. Es wurden Strukturen zur Unterstützung von Betroffenen von Gewalt geschaffen, jedoch soll sich vor allem strukturell etwas verändern. Deshalb finden z.B. auch Workshops für Männer zu Gender Themen statt.

Schwangerschaftsabbruch ist im Moment ein kontrovers diskutiertes Thema in Kolumbiens Gesellschaft. Beim PM gibt es dazu keinen Konsens. Abbrüche, durchgeführt mit pflanzlichen Mitteln, sind jedoch schon lange Praxis in einigen Gemeinden. Des weiteren werden häufig Abbrüche bei Zwillingsschwangerschaften praktiziert, um Risiken für Kinder und Mutter zu verkleinern.

Traurigstes Kapitel in jüngster Zeit war der Mord an Christina, 29 jähriges Mitglied im PM. Sie wurde von Paramiltärs getötet, was ein großer Bruch in der Arbeit des PM war und langfristig viele Frauen stark erschüttert hat.

Es gab im online Seminar noch mal Nachfragen zu LGBTQ Themen und ob diese beim PM präsent sind. Diese Kategorien waren bei den Treffen mit dem PM nicht präsent. Es wurde hauptsächlich in Mann, Frau, Kind aber auch alt und jung unterteilt.

 

Guardia Indigena (GI)

Das Ziel der GI ist der Schutz der Indigenen Gemeinden vor Eindringlingen von außen. Das Gefühl der Selbstermächtigung mit dem Einsatz des eigenen Körpers. Die GI trägt keine Waffen, sondern nur einen Baton (Holzstock) als symbolisches Autoritätszeichen. GI ist ein Prozess der in den Gemeinden entsteht – gewaltfrei und entschlossen von unten – jedoch arbeiten die GI inmitten einer Gewaltherrschaft von Drogenkartellen, Paramilitärs und anderen bewaffneten Gruppen, was sie vor spezielle Herausforderungen stellt. Da viele Resguardos Drogenanpflanzverbote mit Hilfe der GI durchsetzen wollen, werden diese zur direkten Zielscheibe.

Der Prozess der GI ist sehr sichtbar und einflussreich in den indigenen Gemeinden. Die GI kümmert sich um Menschenrechte, pol. Bildung aber auch Umweltschutz ( z.B. illegaler Baumeinschlag). Häufig wechseln Leute aus der GI später in selbstorganisierte Verwaltungsstrukturen des CRIC.

Ein wichtiges Element der indigenen Philosophie ist die emotionale Verbindung eines jeden Einzelnen mit dem Land und der Natur und daraus entstehend eine gefühlte Verpflichtung zum Schutze dessen. Darüber hinaus ist der Tourismus ist wichtiger Wirtschaftszweig in vielen Regionen. Um Naturschutzgebiete zu wahren arbeitet die GI mit der Guardia Campesina aus anderen indigenen Gebieten zusammen. Die Ausbildung eigener Mediziner_innen und die Produktion von Medikamenten auf Pflanzenbasis ist zudem wichtige Basis der eigenen Autonomie. Wie das Programma Mujer wird auch die GI von Aroma Zapatista mit Unterstützungsgeldern supportet.

Probleme

Es herrscht im Moment eine extrem hohe Bedrohungslage: sie werden sehr oft direkt als GI mit Schusswaffen angegriffen oder bedroht. Des weiteren gibt es keine staatliche Anerkennung der GI. Ziel ist allerdings nicht die Unterordnung staatlicher Institutionen, sondern eine unabhängige, selbstorganisierte Struktur zu bleiben. Die Arbeit in der GI ist ehrenamtlich. Es gibt kein Geld vom Staat. Finanziert wird das Ganze hauptsächlich über die eigenen Familien oder Kleinst-Spenden. Es gab interne Kritik an der Außenwirkung: das Auftreten einiger Mitglieder der GI erscheint für viele zu militaristisch. Außerdem ist auch Alkoholkonsum immer wieder Thema auf internen Treffen.

Es soll ein 108 Punkte Plan erarbeitet werden, wie die GI sich gegen gewalttätige Gruppen und deren Bedrohungen in Zukunft durchsetzten kann.