Veröffentlicht am Schreib einen Kommentar

Mitschrift eines Reiseberichtes aus den Kaffee-Anbaugebieten im Cauca, Kolumbien

September 2020
Unser companero Martin von Aroma Zapatista war im Herbst 2019 für mehrer Wochen im Cauca in Kolumbien unterwegs, bei den Gemeinden der CRIC, die den Rohkaffee anbauen den Aroma Zapatista importiert und wir rösten. Martin hat uns dazu eingeladen, seinen Reisebericht anzuhören, um mehr über den Lebensumstände und die lokalen Kämpfe der Kaffeebäuer*innen zu erfahren.

Ende 2019 gab es in Kolumbien breite soziale Proteste gegen die Regierungspolitik und viele Morde und Gewalt gegen politische Aktivist*innen, es gibt durchschnittlich pro Tag eine*n Ermordete*n. Nach wie vor hängt die große Gewalt mit dem Anbau von und dem Handel mit Drogen zusammen, aber auch Waffenhandel, Schutzgelderpressungen und illegaler Bergbau sind sehr präsent und schaffen ein Klima, dass für viele Aktivist*innen lebensbedrohlich ist.

Die Region Cauca ragt da noch mal raus, da hier im sehr großen Maße illegale Drogen angebaut werden, vor Allem Schlafmohn, Coca und Marihuana. Dadurch sind Drogenkartelle in der Region sehr präsent und versuchen auch die großen Handelsrouten unter Kontrolle zu halten. Die CRIC, die selbstorganisierte Dachorganisation der Indigenen in der Region ist den Kartellen ein Dorn im Auge, da sie die Vormachtstellung der Kartelle nicht akzeptieren wollen, ihre Gebiete selbst verwalten und den Drogenanbau und -handel unterbinden wollen – deshalb sind sie besonders betroffen von Gewalttaten von Seiten der Kartelle. Seit einiger Zeit haben die Mitglieder der indigenen Bewegung CRIC zum Beispiel entschieden, in der Öffentlichkeit keine Abzeichen und/oder Symbole zu tragen, die ihr Zugehörigkeit erkennen lassen, weil sie dadurch zu Angriffszielen für bewaffnete Gruppen werden. Martin hat das während seiner Reise stark zu spüren bekommen, so wurde er als internationaler Gast auch deutlich stärker geschützt als früher und bei Fahrten im Auto hinter dunklen Scheiben versteckt. Die Sicherheitslage spitzt sich zu.

Allerdings ist die Situation sehr komplex; es gibt durchaus indigene Kleinbäuer*innen, die Drogen anbauen. Viele leben in prekären Lebensverhältnissen und der Anbau von Drogen bringt ein vielfaches des Geldes ein, was sich mit anderen landwirtschaftlichen Produkten erzielen lässt. Für einige ist das die einzige Möglichkeit, ein auskommen zu haben und den eigenen Kindern eine Zukunft zu bieten. Gleichzeitig gibt es auch Mitglieder der indigen Gemeinschaften, vor Allem junge Leute, die sich den bewaffneten Gruppen anschließen und sich an Gewalttaten und Drogenhandel beteiligen, weil es in den Gemeinden nicht viele Joboptionen gibt. Diese schwierige Situation sorgt auch innerhalb der Bewegung für Konflikte.

Kolumbien hat eine Vergangenheit, die sehr Stark von bewaffneten Konflikten geprägt ist; seit über fünfzig Jahren gibt es Kämpfe zwischen Guerillas, wovon die FARC die größte und bekannteste ist, und der Regierung. Außerdem gibt es paramilitärische Gruppen, die ursprünglich meist die Interessen der Regierung oder der reichen Elite unterstützt haben, zunehmend aber auch eine eigene Agenda verfolgt haben. Vor einigen Jahren wurde ein lange geplanter Friedensprozess eingeleitet, in dessen Rahmen die FARC zum größten Teil demobilisiert wurde. Zwar ist dieser Friedensprozess sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung und wurde auch von einem Großteil der Kolumbianer*innen befürwortet; Die Gewalt hatte damit allerdings kein Ende, sie nimmt in den letzten Jahren eher wieder zu. Es reicht offensichtlich nicht, nur einen Teil der bewaffneten Gruppen zu entwaffnen, wenn rechte Paramilitärs und Drogenkartelle weiterhin mit Waffengewalt ihre Interessen durchsetzen und wenn es außerdem kein Konzept gibt, um die sozialen Probleme des Landes auf friedliche Weise zu bewältigen.

Auch im Cauca sind die verschiedensten bewaffneten Gruppen weiterhin aktiv; die Paramilitärs und bewaffneten Gruppen arbeiten sowohl mit dem regulären Militär als auch mit den narcos, also den Drogenbanden zusammen; auch die ELN, die größte übriggebliebene Guerilla ist in das von der FARC hinterlassene Machtvakuum, vorgestoßen und ist im Cauca aktiv. Zwar bedrohen all diese Gruppe die indigene Gemeinden in ihrer Autonomie und verüben Verbrechen gegen die Menschen. Trotzdem sind die Gruppen nicht miteinander gleichzusetzen, die ELN ist anders in der Gesellschaft verwurzelt und verfolgte grundsätzlich mal eine sozialen Agenda für die Menschen. Während die ELN im Cauca keine lange Tradition hat, ist sie in anderen Regionen Kolumbiens, vor Allem an der Grenze zu Venezuela politisch noch sehr stark verankert.

Auf seiner Reise hat Martin mehrere indigene resguardos besucht. Die resguerdos sind erkämpfte Selbstverwaltungsgebiete der indigenen Bewegung. In diesen Gebieten leben derzeit an die 260.000 Menschen. In diesen Gebieten organisieren die indigenen viel der Infrastruktur selbst, außerdem haben sie einen eigenen Zusammenschluß von Produzent*innen gegründet, die CENCOIC. Die Cencioc produziert auch den von uns verarbeiteten Kaffee. In der CENCOIC sind ca. 3000 Menschen organisiert, sie verteilen sich auf zwanzig Produzent*innengruppen in 18 resguardos. Bisher ist es so, dass meist der Ehemann/ Familienvater Mitglied der CENCOIC ist und somit auch die Einnahmen bekommt. Das soll sich jetzt aber ändern und auch Frauen werden Mitglied und können so dann eigene Einnahmen generieren. Es gibt keine eigene Frauenkooperative aber es gibt Kaffee, der nur auf Feldern angebaut wurde für die Frauen die Verantwortung tragen und der dann geblendet und extra vermarktet wird. Mit dem Kauf dieses Kaffees können dann explizit die sich selbst organisierenden Frauen unterstützt werden.

Die CRIC hat viel erreicht, sie befindet sich gerade aber auch in einer schwierigen Situation; Es gab vor kurzem zwei schwere Mordanschläge auf Mitglieder der guardia indigena mit insgesamt 10 Toten. Die Guardia Indigena sind die Selbstverteidigungskräfte der rescuardos, ein unbewaffneter ziviler Selbstschutz. Die guardia indigena hat ein paar mal Drogentransporte aufgehalten und beschlagnahmt und sind damit noch stärker zum Ziel der Drogenkartelle und bewaffneten Gruppen geworden. Viele haben sich aus Angst aus der guardia indigena zurückgezogen, um nicht selber Opfer von Mordanschlägen zu werden. Die Mordanschläge haben die Bewegung stark verunsichert.

Viele in der Bewegung wünschen sich, vom Drogenanbau wegzukommen und alternative Strukturen aufzubauen, die sie unabhängiger vom Drogengeschäft machen. In einigen Rescuardos wurden Kokaplantagen zerstört und Kokaanbau verboten. Wie schon oben genannt gibt es aber auch eine interne Spaltung, weil manche, vor allem jüngere Leutre gerne Koka anbauen wollen. Tagelöhner auf Kokaplantagen verdienen das vier- bis fünffache als Tagelöhner auf Kaffeeplantagen. Die CRIC versucht Alternativen aufzubauen, um ökonomische Auswege aus Drogenanbau zu entwickeln. Es gibt eine eigene indigene Universität, eine Reisfabrik, eine Saftmanufaktur, eine Zuckerfabrik und andere versuche sich ökonomisch diverser aufzustellen.

In El Mesón hat die Gemeinde beschlossen, nach Rückzug der FARC eine eigene Schule aufzubauen und eigene Konzepte und Lehrinhalte eingeführt. Es gibt keinen Frontalunterricht mehr, sondern verschiedene Themenbereiche werden im Unterricht miteinander verwoben. Der Staat bezahlt die Schule noch. Viele der Schulabgänger_innen sind mittlerweile selber Lehrer_innen geworden.

Weiterlesen zu diesem Thema könnt ihr in folgenden Artikeln:
Wir sind Träumer*innen:
https://www.contraste.org/wir-sind-traeumerinnen/

Kaffee oder Koka? Selbstbestimmtes Wirtschaften als Alternative zur Drogen- und Gewaltökonomie:
https://www.graswurzel.net/gwr/2020/06/kaffee-oder-koka/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.