Das Kollektiv

Das Kollektiv als Begriff existiert zunächst als Bezeichnung für Arbeitsgemeinschaften im (ost-)europäischen 20. Jahrhundert; gemeint waren meist Produktionsgemeinschaften. Von diesem Kollektiv realsozialistischer Ausprägung ist unser Kollektivbegriff denkbar weit entfernt; darum sollen an dieser Stelle einige grundlegende Gedanken vorausgeschickt werden.

Die Entscheidung, kollektiv zu leben – also in einer Gemeinschaft zu leben, in der alle für sich, für einander und für ein gemeinsam geschaffenes Drittes Verantwortung übernehmen – beruht viel mehr noch auf einem Lebensgefühl als auf theoretischen Überlegungen. Letztere spielen natürlich auch eine Rolle: mit mehreren Menschen lassen sich viele Projekte besser a)initiieren und b) kontinuierlich weiterführen. Viele können sich gegenseitig gut unter die Arme greifen, in materieller wie auch in emotionaler Hinsicht. Als bzw. im Kollektiv zu leben bedeutet politisch zunächst einmal, einen anderen Weg einzuschlagen als denjenigen, den die Mainstream-Gesellschaft mit Mann, Frau und 1,3 Kindern vorschreibt. Damit wollen wir nicht werten, sondern lediglich die Möglichkeit einer anderen Lebensform benennen.

Für uns war die Entscheidung, zusammen ein Hausprojekt zu starten, eine Entscheidung fürs Leben – ebenso wie wir jetzt das Kollektiv La gota negra gründen und schon jetzt hoffen, darin und damit alt zu werden. Damit setzen wir auf Freundschaft, auf ein Leben gegenseitigen Beibringens und Lernens auf Augenhöhe und auf die ständige Auseinandersetzung mit uns selbst und den anderen.

Wenn wir nun also schon kollektiv leben, warum dann auch noch kollektiv arbeiten? Warum ist uns das so wichtig; erscheint uns geradezu als einzig möglicher Weg?
Auf diese Fragen gibt es eine Menge Antworten, und wir haben bis jetzt wohl erst einige davon gefunden.
In einem Kollektiv ist es möglich, ohne Chef*in hierarchiearm1 zu arbeiten. Wir arbeiten in allen Produktionsbereichen selbstbestimmt, d.h. wir entscheiden, in welchem Tempo wir arbeiten, wie viel oder wenig Platz wir anderen Lebensbereichen einräumen. Dabei haben wir uns selbst ausgesucht, mit wem wir jeden Tag zusammen arbeiten wollen.
Im vom kapitalistischen „Normal”zustand bestimmten Leben ist Lohnarbeit zumeist entfremdete Arbeit; ihr Ziel ist es, Geld zu verdienen und es gibt keinen Zusammenhang zwischen der Tätigkeit und dem Produkt/Ergebnis. Die Befriedigung eigener Bedürfnisse erledigt mensch via Geld, das durch jene Tätigkeit – eben die Lohnarbeit – emsig herangeschafft wird.
Wir sind damit nicht zufrieden. In der Kaffeerösterei bearbeiten wir die Bohnen handwerklich und haben am Ende des Röstprozesses unser Produkt in Händen.
Indem wir uns als Kollektiv organisieren, steigen wir ein in eine solidarische Ökonomie, die gerade weltweit im Wachsen begriffen ist. Solidarisch Wirtschaften, das heißt selbst verwaltet, ökologisch bewusst, kooperativ und am Gemeinwesen orientiert zu handeln – im doppelten Sinn des Wortes. Interessant, dass Brasilien und Argentinien in puncto „solidarische Ökonomie“ mit gutem Beispiel vorangehen – Länder, in denen die Krise der kapitalistischen Wirtschaft schon vor Jahrzehnten die komplette Ökonomie lahmgelegt hatte, woraufhin viele Arbeiter*innen sich zusammen taten, Betriebe zum Teil kauften, zum Teil besetzten und so Kooperativen gründeten. Doch dies nur am Rande, wer weiter lesen will zum Thema „solidarische Ökonomie“ klicke hier
Unser Tun macht für uns Sinn, denn es geht eben nicht mehr (nur) um Geld und die Notwendigkeit, es zu verdienen.
Das Angenehme und das Sinnvolle kommen zusammen: je mehr Menschen sich in Kollektivbetrieben zusammenschließen und dann untereinander vernetzen, desto größer wird die Chance, eine echte Alternativstruktur zum kapitalistischen Markt aufzubauen. Darüber hinaus haben wir die Möglichkeit, unsere eigene politische Meinung in die Arbeit einzubringen und u.U. sogar Synergieeffekte zu nutzen – das Beispiel des Kaffeekollektivs Aroma Zapatista und ihre enge Verknüpfung mit den den Zapatist*innen in Chiapas/Mexiko sei an dieser Stelle erwähnt.
Die Arbeit im Kollektiv gibt uns die Möglichkeit, utopische Ideen schon jetzt und hier, im „falschen“ Leben in der Praxis auszuprobieren (und es dadurch vielleicht auch ein Stück „richtiger“ zu machen). Wir arbeiten zum Beispiel nicht profitorientiert, sondern bedarfsdeckend. Wir haben uns einen internen Vertrag (siehe Statut) gegeben, in dem wir u.a. klargezogen haben, dass bei einer Auflösung des Kollektivbetriebs das Betriebsvermögen nicht privatisiert wird. Nicht zuletzt ist „Geld“ für uns etwas, das wir zum Leben brauchen, das aber keinerlei Wert an sich darstellt. Das alles sind kleine Schritte in eine richtige Richtung; und wir halten es wie die Zapatist*innen im Südosten Mexikos: „Preguntando caminamos – Fragend schreiten wir voran!“

1 Wir benutzen den Begriff “hierarchiearm” an Stelle des bekannteren “hierarchiefrei”, weil uns bewusst ist, dass wir zur völligen Freiheit von Hierarchie in jeder Form auch beim besten Willen nicht so mir nichts, dir nichts gelangen werden. Hierarchiefreiheit ist unser Ziel, sie zu erreichen unser Bestreben; dennoch ist uns klar, dass es bestimmte Hierarchien geben wird – z.B. Wissenshierarchien. In diesem Bewusstsein erscheint der Begriff “hierarchiearm” ehrlicher.